Hurra, es ist ein Hurx!

Mit den Identitäten verhält es sich so wie mit dem Klamotten-Berg des benachbarten Second-Hand-Ladens. Gerade erst vor drei Tagen scheiterte dort mein verzweifelter Versuch, mir dieses verführerische Outfit zwischen Retro und Postmoderne anzueignen, an einer einzigen, niederschmetternden Tatsache: Was ich auch anprobierte, es wollte nicht so richtig passen. Alles war zu klein oder zu groß, zu eng oder zu weit. Damit waren meine Performance-Pläne in Kürze zunichte gemacht. Verzage nicht, sagte ich zu mir, Alternativ-folkloristisches passt immer. So war eine neue Performance-Idee geboren und ich verließ das Geschäft mit einer abgeschlabberten Filzjacke in der Tüte.

Auf dem Weg zu meiner Wohnung trieb mich die Enttäuschung dann aber doch in die Arme der Philosophie. Meine ursprüngliche Performance-Idee, die so grausam an den unerbittlichen Grenzen des Machbaren zugrunde gegangen war, wurde mir zur Metapher meines Identitäts-Konglomerates. Mit den Identitäten verhält es sich so, wie mit den textilen Inszenierungsmöglichkeiten: Sie passen nie!

Beispiele? Also: Ich bin schwul. Zumindest denkt Mutti das. Allen ist klar: Schwulsein heißt Mannsein. Zumindest ist das allen außer mir selber klar. Ich begehre eine Tunte, eine lesbische Tunte. Wie passt das jetzt aber zu dem Schwulsein? Bin ich vielleicht doch lesbisch? Nein, das geht nicht, sagt mein bester Freund, da ich ja ein Mann bin. Soso, dann kann ich also meine geliebte Tunte gar nicht begehren. Erster Knoten im Hirn. Also noch einmal: Die besagte, die ich begehre, ist Frau, Lesbe, Tunte und begehrt – ja was denn nun? Eine Frau, weil sie Lesbe ist oder einen Schwulen, weil sie Tunte ist? Ich hingegen bin Mann, Schwuler und … na, Schwuchtel, denke ich. Aber ist eine Schwuchtel auch ein Mann? Die Lösung naht, denn wenn ich kein Mann mehr bin, sondern eine Schwuchtel, dann kann ich ja auch lesbisch begehren. Oder müssen Schwuchteln immer schwul sein? Was ist eigentlich in den Momenten, wo ich weder schwul noch lesbisch begehre, sondern meine gesamte Lust auf eine Marzipan-Schokolade richte. Bin ich dann MarzipanSchokoladenSexuell. Kann ich das als Schwuler/Mann/Lesbe/Schwuchtel sein? Kann die Marzipan-Schokolade sexuell sein?

In meiner Wohnung kam mir beim Auspacken der Filzjacke der rettende Einfall: Ich bin ein/eine Hurx! Hurxsein hat viele Vorteile. Vor allem den einen Vorteil, dass man nicht ständig gesagt bekommt, wer/was man eigentlich sei. Den/die/das Hurx gibt es bisher noch nicht, deshalb kann Hurx einfach nur hurxig sein. Da aber niemand weiß, was hurxig bedeutet, kann Hurx machen, was er/sie/es will, ohne dass jemand dazu Stellung nehmen könnte. Eine Vision erwachte zum Leben!

Doch in dem Moment, in dem ich bemerkte, dass meine neue Filzjacke ein Loch am Kragen hatte, wurden mir (gibt es einen Zusammenhang zur Filzjacke?) die Grenzen einer hurxigen Identität bewusst. „Hurx“ an sich ist eine (einmalige???) Identität. Als solche wird sie nie richtig passen. Wenn alle von einem/einer Hurx sprechen werden, dann wird es auch nicht lange dauern, bis Hurxus und Hurxa, der Schoko-Hurxus und die Homo-Hurxa zu unserem Alltags-Vokabular hören werden. Schreck lass nach, was für eine Enttäuschung! Als schwuler Mann brachte ich meine Filzjacke wieder in den besagten Laden zurück und tauschte sie gegen einen Wickelrock. Schwuler Mann? Oder doch multisexuell? Ich werde nie genau sagen können, wer oder was ich prinzipiell und immer bin. Trotzdem muss (???) ich mir wahrscheinlich eine Bezeichnungs-Strategie einfallen lassen. Auf diese seid Ihr gespannt, oder? Vielleicht erfahrt Ihr ja einmal mehr – in einer anderen Welt zu einer anderen Zeit.

Hurx


1 Antwort auf „Hurra, es ist ein Hurx!“


  1. 1 cora 04. August 2009 um 16:36 Uhr

    und das lamm schrie hurx

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