alles eine große Verkleidungsparty

Irgendwann im ernsten familiären Gespräch um Studium, Abschluss, Berufschancen und sexuelle Orientierung des jüngsten Sohnes deutete mein Vater auf die rötlich-orangene Langhaarperücke, die dezent auf meinen Schrank drapiert war. „Das da“, sagte er fingerzeigend, „das da ist es, womit ich noch etwas Probleme habe.“ Und hier materialisierte – oder: verbifizierte sich ein weiteres Thema, das seit meinem ersten Drag-Auftritt vor knapp zwei Jahren oftmals unbehaglich in der Luft gehangen hatte. Warum? Warum musst du dich denn als Frau verkleiden? Bist du als Mann nicht zufrieden? – Mich brachte die Frage, obwohl eigentlich lang erwartet, in ein Dilemma: sollte ich beschwichtigen oder konfrontativ herausfordern? Die erste Reaktion war: Auf jeden Fall beschwichtigen. In ihrem Horrorbild sahen meine Eltern ihren Sohn den langsamen Weg in den Abgrund gehen, in zwanzig Jahren als gescheiterte Drag-Existenz in der Kneipe sitzen, überschminkt und versoffen, frustriert und gescheitert. Meine erste Reaktion also: Beschwichtigung. Appeasement.

Naja, was heisst hier lieber Frau sein, sagte ich mit möglichst sonorer, vertrauenerweckender Stimme, das ist doch mehr wie Fasching oder Karneval. „Drag“ kommt aus dem Englischen und ist die Abkürzung für „Dressed as Girl.“ – dahinter steht also der Spaß am Verkleiden! Es ist lustig, mal ganz anders aufzutreten und so die Leute zu erschrecken. Ich gehe „als Frau“ auf die Bühne, tanze etwas, und das Publikum findet es schön, dann gehe ich wieder hinter die Bühne und schminke mich ab. Nichts dabei – die Lust an Verkleiden und Show, sonst gar nichts.

An dieser Stelle wurde mir allerdings ziemlich unwohl. Wenn alles nur eine große Verkleidungsparty ist (sic! Ist es auch, aber dazu unten mehr!), diskreditiere ich dabei nicht vollkommen die politische Dimension dahinter bzw. diejenigen meiner FreundInnen, für die ein „anderes“,/unbestimmtes Geschlecht nicht Party und Show bedeutet, sondern Selbstbehauptung in den Widrigkeiten des täglichen Lebens? Auf diese Weise beschwichtigend fügte ich mich fast nahtlos in den Konsens der Gesellschaft ein, den ich eigentlich durchbrechen wollte. Denn, ohne gleich mit Judith Butler und Gender-Theorie abschrecken zu müssen: Die politische Dimension beginnt schon ganz einfach an der Stelle, an der ich so aussehe, wie ich möchte, und andere Leute meinen, mir vorschreiben zu dürfen, dass das so nicht ginge. Wenn ich als bisher männlich identifizierte Person Lust habe, mir ein Kleid anzuziehen und ein schickes Rouge aufzulegen, wer in der Welt sollte mir das Recht dazu absprechen dürfen? Wenn sich x-beliebige U-Bahngäste das Recht herausnehmen, mich aggressiv anzuzischen, nur weil sie mit meinem Äußeren nicht umgehen können, soll ich mich dann verkriechen und brav die Haare scheiteln, wie sie es gern hätten? Was ist mit meiner Freiheit? Warum sollte ich mich einschränken?

Zumal die bipolare Geschlechterweltsicht – es gibt Mann und Frau und beide sind grundverschieden – eher ein Unterdrückungsinstrument ist. Wer von Rassen spricht, diskriminiert bereits, denn es gibt keine Aufspaltung in Kategorien ohne eine implizite Hierarchisierung. In Geschlechter zu teilen ist ähnlich dazu die Grundvoraussetzung für Sexismus und Homophobie. Die Bipolarität des Geschlechterbildes, die Annahme einer krassen Geschlechterdichotomie mit ausschließlichen Elementen ist sowieso der Realität nicht angemessen. Durch das Raster der biologischen Geschlechterzuweisungen fallen viel mehr Leute, als gemeinhin angenommen wird. Es gibt verschiedene Arten, das Geschlecht eines Menschen zu bestimmen: Sekundäre Geschlechtsmerkmale. Hormonspiegel. Erbgut. Bartwuchs. Zeugungsfähigkeit. Penis oder Vagina. Sexuelle Orientierung. Kleidung. Haartracht. Und noch einige mehr. Der Anteil der Menschen, die sich eindeutig in allen Kategorien als männlich oder weiblich klassifizieren lassen, ist verschwindend gering. Grenzen zwischen den Geschlechtern sind auf den ersten Blick manchmal vielleicht eindeutig auszumachen, auf den zweiten Blick existieren sie jedoch – nicht. Statt dessen entscheiden sich die meisten Leute täglich für eine Geschlechterrolle, die ihnen zugegebenermaßen ihr Leben lang vorexerziert wurde. Insofern ist tatsächlich alles nur eine große Verkleidungsparty – jedoch nicht nur die Drag-Show, sondern auch gerade das „tägliche Leben“.

Drag will genau das vor Augen führen. Manchmal wird der Vorwurf laut, Travestie würde Geschlechterrollen durch ihre Nachahmung festschreiben und Grenzen zwischen den Geschlechtern setzen. Ein Drag-King, der sich als Macho benimmt, zeigt nur, dass alle Männer eigentlich Machos sind. Eine betont feminine Drag-Queen verkörpert den Anspruch, dass alle Frauen feminin sein müssen (was auch immer das bedeutet). Die Gefahr ist da, andererseits jedoch überspitzt Drag die erwarteten Geschlechterrollenklischees und stellt sie in parodistischer Form dar, führt auf diese Weise deren Konstruiertheit vor Augen. Wenn ich heute Abend auf der Party als Person mit traditionell weiblich klassifizierten Features durchgehe und mich „gut so“ fühle, warum sollte ich das im „täglichen Leben“ nicht einfach übernehmen? Stichwort Verkleidungsparty. Wie Du aussiehst, welche Rolle Du spielst, welche Identität Du annimmst, bestimmst du zu einem großen Teil selber.

Bei meinen Eltern kam ich aber nicht so weit. Es blieb nach kurzen Verweisen auf dahinterliegende Thematiken doch beim Appeasement und dem (tatsächlich unsäglichen) Vergleich mit dem Karneval der Kulturen. Doch weit kam ich nicht mit dem Versuch, es auf der Ebene meiner Eltern harmlos-erklären zu wollen. Meine Mutter: „Fasching habe ich auch noch nie gemocht.“